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AG 1: Wissenschaft als Performance

Thesenpapier: Rolf Todesco:

Performance als sichtbare Tätigkeit

Vorweg zu meinem Sprachgebrauch:
Differenztheoretisch verwende ich den Ausdruck Performanz für die Differenz zwischen einer Auf- oder Durchführung und einer Bewertung der Leistung, die in dieser Vorführung erbracht wird.
Den Aspekt der Auf- oder Vorführung erkenne ich als Performance eines Künstlers und - eigentlicher - in allem, was vorgeführt oder gezeigt wird. Den Aspekt der Bewertung erkenne ich darin, dass ich von Kunst oder von Leistung spreche, wenn ich eine Performanz als Performanz wahrnehme.
In der Alltagssprache spreche ich - metaphorisch oder verkürzt - auch von der Performanz (im Sinne einer Leistung) von technischen Geräten, von Wertpapieren oder von Approximationsalgorithmen.
Terminologisch gebunden verwende ich den Ausdruck Performanz in Anlehnung an J. Austin im Kontext der Sprechakttheorie durch die Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äusserungen (==> Performativität).

Am Beispiel des dialogischen Lehrens:
Ich fasse meine "Lehrtätigkeit" an dieser Theaterschule als Kunst auf, das heisst praktische Erwägungen gelten mir im hegelschen Sinne aufgehoben. Als Lehrer würde ich Ihnen sagen, was Sie machen sollen und was Sie falsch machen. Ich würde Sie über Sie belehren. Als Künstler mache ich keine Mitteilungen, als Künstler suche ich den richtigen Ausdruck. Mein Werk gibt (auch mir) Auskunft über mich.
Ich gestalte mich in meinem Werk. Es wird mir Gegenstand und Widerstand, es zeigt mir, welche meiner Vorstellungen funktionieren und welche nicht. Mein Werk ist mir Spiegel. Ein Gemälde, eine Skulptur, ein Text, eine Aufführung sind physische Gegenstände, die ich mit meinen Vorstellungen vergleichn kann. Erst wenn ich produziere, kann ich meine Vorstellungen mit meinen Wahrnehmungen kritisieren.
Ich gestalte mein Werk relativ autonom, also nicht in Vor- oder Rücksicht auf Applaus oder Einschaltquoten. Wenn ich mich um Zustimmung in Form von Einschaltquoten kümmere, dann bin Verkäufer, nicht Künstler. Wenn ich mich hier um praktischen Nutzen meiner Vorstellung kümmern würde, wäre ich bestensfalls Kunsthandwerker. Dann würde ich etwas für Sie produzieren, nicht (für) mich.
Ich mache Kunst durch mich, nicht durch andere, obwohl ich kaum bestreiten kann, dass ich alles angeeignet habe. Meine Vorstellung muss mir gefallen. Natürlich nehme ich in Kauf, dass sie andern auch gefällt. Und wo ich ähnlich wie andere Menschen bin, rechne ich sogar damit, dass was für mich gut ist, andern auch gefallen kann.
Was mir gefällt, finde ich in mir. Wie aber könnte ich - als Lehrer oder Vortragender - wissen, was Sie brauchen, was Ihnen gefällt? Wenn ich nicht mir vertraute, blieben nur Einschaltquoten.
Wie Sie sehen, haben wir keine Zuschauer (Man könnte meinen, dass Sie mir zuschauen, aber wir als Team sind ohne Zuschauer). Wir können also frei und unbelastet üben. Frei von Vorstellungen, was die Zuschauer - und irgendwelche Lehrer und Kritiker - gerne sehen würden. In gewisser Weise haben wir aber natürlich ganz kritische Zuschauer - nämlich uns selbst. Wir erkennen leicht, ob unsere Vorstellung gut ist - gut für uns.
Ich würde beispielsweise gerne etwas vorsingen, ich merke aber, dass ich das nicht gut genug kann. Nich gut genug für meine Ansprüche. Ob es Ihnen vielleicht trotzdem gefallen würde, kann ich nicht beurteilen. Das ist mir aber auch kein Kriterium, in meiner Kunst muss ich mir genügen.
Meine Frage ist also, was kann ich gut genug, um es hier aufzuführen. Wenn wir zusammenarbeiten, ohne uns zu belehren, ist das eine mögliche Frage für alle Beteiligten. Dann stellen sich sofort auch die Bedingungen des Uebens ein. Ich mache auch etwas, was ich noch nicht gut genug kann, weil ich am Lernen bin.


 

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